Wolfgang Jordan
KLEINES WERKZEUGMUSEUM

Werkzeughersteller und -händler

Wertheim, Wien

Franz Wertheim (Anton Fanta, Desider Flir), Wien und Scheibbs (Österreich)

Firmengeschichte

Gegründet 1841 in Krems (Österreich) von Franz Freiherr von Wertheim (12.4.1814 - 3.4.1883).

Wertheim hatte bei seinem Vater, einem Kremser Schneider, gelernt. Nach Beendigung seiner Schul- und Lehrzeit war er in Deutschland, Frankreich und England umhergereist und hatte dort die hohe Qualität der ausländischen Werkzeuge kennengelernt. Nach seiner Rückkehr 1940 begann er zunächst Werkzeuge zu importieren und ließ bald auch in einer Werkzeugfabrik in Rehberg bei Krems selbst Werkzeuge herstellen.

Nach dem Tod des Fabrikanten Anton Gruber übernahm er 1842 dessen Werkzeugfabrik in Wien und 1843 den Gstettenhammer in Neustift bei Scheibbs (beide in den 1830er Jahren von Gruber gegründet 8)), die er vollständig umgestaltete und die Zahl der Arbeiter verdoppelte 4). Eine Fabrik in Furth bei Göttweig stellte für ihn Hobelbänke her 10).

1844 gewann Wertheim auf einer Industrieausstellung in Laibach eine silberne Medaille 8). Im gleichen Jahr nahm er mit einer Auswahl an Hobeleisen an der Gewerbeausstellung in Berlin teil 8). Auf der Gewerbeausstellung in Wien 1845 stellte Wertheim eine Sammlung von nahezu 1000 Werkzeugen aus und erhielt wiederum eine silberne Medaille. Diese Werkzeuge erwarb Kaiser Ferdinand für das Technische Kabinett in Wien. Teile dieser Sammlung befinden sich heute noch im Besitz des Technischen Museums Wien. Wertheim erhielt dafür den Titel eines k. k. Hof-Werkzeugfabrikanten.

1848 erhielt Wertheim den Auftrag zur Fertigung einer aus 885 Stück Werkzeugen bestehenden Werkzeugsammlung für das kaiserliche Museum in St. Petersburg.

In den folgenden Jahren vervollkommnete Wertheim seine Produktion und gewann wiederholt Preise und Medaillen bei Ausstellungen, z. B. der Gewerbeausstellung 1850 in Leipzig und der Weltausstellung 1851 in London. Die bei der deutschen Industrie-Ausstellung zu München 1854 ausgestellte Sammlung kaufte die dortige Regierung für die Gewerbeschule in Fürth.

1852 gründete er zusammen mit Friedrich Wiese die erste österreichische Fabrik für feuer- und einbruchsichere Kassen und Schränke, die noch heute existiert (Homepage Firma Wertheim).

"Die Werkzeugfabrik in Ginselberg" erzeugte 1854 "25.000 Duzend Hobeleisen, Stemmeisen und Drehmeißel". 11)

Die 1855 von Wertheim auf der Weltausstellung in Paris gezeigten ca. 1400 Werkzeuge erhielt nach der Ausstellung das Pariser Conservatoire impériale des arts et métiers (heute Musée des Art et Métiers). Zumindest ein Teil dieser Werkzeuge ist heute noch erhalten. 13)

1867 nahm Wertheim mit einem großen Muster-Exponat an Werkzeugen an der Weltausstellung in Paris teil. Eine Lithographie des Ausstellungsstandes zeigt Hunderte von Werkzeugen sowie eine Hobel- und eine Drechselbank (aus: Werkzeugkunde zum Gebrauche für technische Lehranstalten etc.). Auf dieser Ausstellung setzte er auch einen Betrag von einhunderttausend Franc als Preis aus für denjenigen, dem es gelänge, eine Wertheim-Kasse zu öffnen.

Neben den schon erwähnten Sammlungen befinden sich weitere Werkzeuge von Franz Wertheim in Meiningen, Turin und Athen. Ebenso wurde eine Sammlung aufgenommen in das Kensington Museum, für die Wertheim einen eigenen Katalog erstellte, der auch auf Französisch erschien (hier aufgeführt).

1871 erhielt Franz Wertheim von Kaiser Franz Joseph den Orden der eisernen Krone zweiter Klasse, womit er in den Stand eines Freiherrn erhoben wurde.

Teilnahme an der Weltausstellung in Philadelphia 1876.

Franz Freiherr von Wertheim starb am 3. April 1883. Sein aufwendig gestaltetes Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Das Werk in Neustift/Scheibbs war seit der Übernahme 1842 von Anton Fanta geleitet worden. Dieser erhielt auf der Weltausstellung 1855 in Paris eine Medaille zweiter Klasse, wie auch der Werkmeister des Wertheim-Werkes in Wien F. Dollinger. 1859 bekam Fanta eine weitere Auszeichnung vom niederösterreichischen Gewerbeverein. Sein Alter wurde damals mit 43 Jahren angegeben, die Zahl der Arbeiter in Neustift mit 40-60. In den Sechziger Jahren wurde das Werk immer mehr zum Nebenbetrieb und ging nach dem Tode Wertheims 1883 an Anton Fanta (siehe auch diese Plattbank). Aus den Markenanmeldungen (s. u.) kann man entnehmen, daß zu diesem Zeitpunkt das Werk in Wien von Johannes Desiderius Flir (geb. 1848) übernommen wurde. Als Fanta 1894 starb, ging auch die Fabrik in Scheibbs an Flir. Der Name des Gründers erschien aber jeweils noch auf dem Firmenzeichen als 'v(orm). Franz Wertheim'.

Eine Rabattliste adressiert an die Firma Joh. Weiss in Wien, die diesem Katalog von 1909 beilag, legt nahe, daß Flir zu diesem Zeitpunkt Profilhobel für Weiss hergestellt hat. In diesem Katalog ist die Adresse der Firma Flir angegeben mit:
"Wien und Neustift bei Scheibbs, Niederlage u. Comptoir: Wien I., Canovagasse 1 (I., Kärntnerring 18)"

Lt. Firmengeschichte von Joh. Weiss (siehe hier) wurde Flir 1911 von der Firma Weiss übernommen. Dagegen spricht allerdings, daß Flir noch 1913 ein eigenes Warenzeichen angemeldet hat (s. u.).

Weitere Informationen

Eine Biographie von Franz Wertheim findet sich auf der Homepage der Firma Wertheim (Tresore, Safes, Büromöbel, Bankeinrichtungen), die 1852 von ihm gegründet wurde.
Außerdem gibt es eine Kurzbiographie im Österreich-Lexikon.
Ein ausführlicher Artikel über Wertheim steht im Biographischen Lexikon des Kaisertums Österreich.

Werkzeuge

In meiner eigenen Sammlung 7)

Schlichthobel Franz Wertheim
Schlichthobel
Abplatthobel Franz Wertheim
Plattbank
Schlichthobel Franz Wertheim, Technisches Museum Wien
Schlichthobel
(Sammlung des
Technischen Museums Wien)
Doppelhobel Franz Wertheim
Doppelhobel
Nuthobel Franz Wertheim
Nuthobel

Marken

Markenanmeldungen 6)

Wertheim gelöschtes Warenzeichen
Wertheim Warenzeichen
Wertheim gelöschtes Warenzeichen
D. Flir/Wertheim Warenzeichen
A. Fanta/Wertheim Warenzeichen
D. Flir/Wertheim Warenzeichen
D. Flir/Wertheim Warenzeichen
D. Flir/Wertheim Warenzeichen
D. Flir/Wertheim Warenzeichen, Erneuerung
D. Flir/Wertheim Warenzeichen

Markenzeichen auf Werkzeugen etc. 7):

Marke Franz Wertheim
"WERTHEIM, GRUBER" 13)
Marke Franz Wertheim
"W. F., WERTHEIM IN WIEN" 13)
Marke Franz Wertheim
"WERTHEIM, GRUBER" 14)
Marke Franz Wertheim
"WERTHEIM IN WIEN, GARANTIRT" 14)
Marke Franz Wertheim
"FRANZ WERTHEIM, WIEN" 12)
Marke Franz Wertheim
"D. FLIR V. WERTHEIM, WIEN" 14)
Marke Franz Wertheim
"D. FLIR VORM. WERTHEIM, WIEN"
Marke Franz Wertheim
"D. FLIR V. WERTHEIM, WIEN, GARANTIERT" 14)
Marke Franz Wertheim
"D. FLIR VORM. F. WERTHEIM, WIEN, GARANTIERT" 14)
Marke Franz Wertheim
"JOH. WEISS SOHN, WIEN, D. FLIR, WERTHEIM"
Marke Franz Wertheim
"D. Flir"

Kataloge

Katalog Franz Wertheim, 1869
1869
Katalog Desider Flir, 1909
1909
Katalog Desider Flir, 1909
1909

Digitale Kopien des Katalogs von 1869 sind hier zu finden:
Textband bei der Bayerischen Staatsbibliothek
Textband bei der Google Buchsuche
Bildband auf meiner Kataloge-Seite
Text- und Bildband (französische Ausgabe) in der Princeton University Digital Library

Patente 6)

keine Patente bekannt

Gebrauchsmuster 6)

keine Gebrauchsmuster bekannt

Quellen und Referenzen

1) http://www.wertheim.at
2) Technisches Museum Wien
3) Österreich-Lexikon
4) Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich (Fünfundfünfzigster Teil, 1887, Seite 108-113)
5) "Franz Freiherr von Wertheim, Ein Lebensbild aus der Gründerzeit", Erich Kurzel-Runtscheiner in: Blätter für Technikgeschichte, Springer-Verlag 1947
6) Marken, Patente und Gebrauchsmuster stammen aus verschiedenen Quellen, die auf dieser Seite detailliert genannt sind.
7) Eigene Werkzeugsammlung [OWN]
8) Verschiedene Quellen, Auszüge der betreffenden Textstellen sind auf einer besonderen Quellenseite zu finden.
9) Siehe Details in dieser Liste von Katalogen.
10) Chronik der Bezirkstadt Scheibbs, von Wilhelm Löwenstein, Hermann Pröll (1989)
11) Austria. Wochenschrift für Volkswirthschaft und Statistik (Wien, 1856) [Google Buchsuche]
12) Sammlung K. G. Heid
13) Archiv des Musée des Art et Métiers, Paris
Werkzeuge von der Weltausstellung 1855 in Paris
14) Sammlung Franz Slama

Abstract Abstract Abstract

The company was founded by baron Franz von Wertheim in 1841 in Krems (Austria). In 1842 he took over another tool company with factories in Scheibbs and Vienna.

With his tools Wertheim won several prizes at exhibitions including the world exhibitions 1851 in London and 1867 in Paris. This picture shows his tools at the Paris exhibition.

Wertheim produced several collections of tools for museums in Vienna, London, St. Petersburg etc. If these collections are still present is a matter of investigation. The Technisches Museum Wien in Vienna has many Wertheim tools from the 1845 exhibition in Vienna. Wertheim's booth at the 1855 Paris exhibition has been sold to a museum and are in large parts still kept in the Musée des Art et Métiers. The Kensington Museum in London received 359 tools from the 1867 exhibition in Paris. All of them, except one brace, were auctioned in 1932.

The Wertheim factory has been renamed to "D. Flir vorm. (previous) Franz Wertheim" at a later time. In 1911 it was taken over by another Austrian tool company, Joh. Weiss, also in Vienna.


Autor: Wolfgang Jordan
Letzte Änderung: 09. Dezember 2015