Wolfgang Jordan
HOLZBEARBEITUNG MIT HANDWERKZEUGEN

Typen von Bohrern und ihre Anwendung

(Auszug aus Flocken/Walkling: 'Lehrbuch für Tischler' [1961])

Werkzeuge zum Bohren

Bohrer werden benötigt zum Vorbohren von Nägeln und Schrauben, zum Einbohren von Beschlagteilen, bei Verdübelungen sowie zum Ausbohren von Ästen. Zum Vorbohren von Nägeln und Schrauben werden meistens Werkzeuge benutzt, bei denen von einem eigentlichen Bohren nicht gesprochen werden kann. Hierzu gehören Spitzbohrer (Bild 109), Reibahle (Bild 110) und Plattbohrer (Bild 111). Diese Werkzeuge werden entweder mit der Hand oder durch Hammerschlag in das Holz vorgetrieben. Durch Drehen der Reibahle haben die rechtwinkligen Kanten eine schabende Wirkung, wie sie auch beim Aufreiber zum Aufreiben von Beschlagschraubenlöcher zu finden ist. Um beim Einschlagen der Plattbohrer das Spalten des Holzes zu vermeiden, wird die Schneide quer zur Holzfaser eingesetzt.

Wegen der Spaltgefahr können die vorgenannten Werkzeuge nur zur Herstellung kleiner Löcher benutzt werden. Zur Aufhebung der Spaltwirkung müßten die schabenden Kanten eine schneidende Wirkung haben. Das ist beim Löffelbohrer der Fall.

Der Löffelbohrer (Bild 112) besitzt zwei parallel laufende Kanten, die als Schneiden ausgebildet sind und am unteren Bohrende löffelartig zusammenlaufen. Das obere Ende hat einen Kolben zum Einsatz in die Bohrwinde. Bei drehender Bewegung erfolgt der Vorschub durch Ausübung eines leichten Druckes. Die Späne werden durch mehrmaliges Herausziehen des Bohrers entfernt. Löffelbohrer arbeiten am saubersten bei Löchern in Hirnholz.

Der Schneckenbohrer (Bild 113) dringt durch seine schneckenartigen Steigungen und den damit verbundenen Schneidwinkel ohne besonderen Druck rasch in das Holz ein, ganz gleich, ob es sich um Hirn- oder Langholz handelt. Er leistet daher auch als Handbohrer ausgezeichnete Dienste. Bei den Handbohrern besitzt der Schaft eine ringförmige Endigung. Man unterscheidet einfache und geknotete Ringhefte (Bild 114). Nach DIN 6464 beträgt d bei Windenschneckenbohrern 2 mm, steigend um 1 mm ... 16 mm. Nach DIN 6465 beträgt d bei Bohrern mit Griff 2 mm, steigend um 1 mm bis 10 mm.

Der Spiralbohrer (Bild 115 und 116) besitzt eine eingefräste Spiralnute für den Spanauswurf. Die dazwischen befindlichen Stege sind unten zum Schneiden angeschliffen. Der spitz auslaufende Bohrer besitzt weder Vorschneider noch Spanabheber und wirkt mehr in der Art der Löffelbohrer. Spiralbohrer eignen sich besonders für Bohrmaschinen. Maschinenbohrer haben zum Einspannen einen zylindrischen Schaft. Spiralbohrer leisten besonders bei Hirn- und Hartholz eine saubere Arbeit.

Nach DIN 7480 beträgt d bei Windenspiralbohrern (Bild 115) = 2 mm, steigend um 1 mm bis 16 mm.

Nach DIN 7487 beträgt d bei Maschinenspiralbohrern (Bild 116) = 3.. . 50 mm.

Der Zentrumbohrer ist für größere Bohrlöcher bestimmt. Nach DIN 6447 unterscheidet man die Formen A, B und C. Die Form A (Bild 117) besteht aus der Zentrierspitze, dem Vorschneider und dem Spanabheber. Die Zentrierspitze ist als Reibahle ausgebildet. Beim Eindringen in das Holz schneidet zunächst der Vorschneider den Lochrand vor. Damit die Arbeit sauber wird, muß die äußere Kante des Vorschneiders der Rundung des Loches entsprechen und die Schneide eine in der Drehrichtung aufsteigende Linie zeigen. Aus dem gleichen Grunde ist der Vorschneider von der Zentrierspitze etwas weiter entfernt als die Außenkante des Spanabhebers.

Die Nachteile des Zentrumbohrers bestehen darin, daß er nicht selbsttätig in das Holz eindringt, die Späne nicht auswirft und infolge der einseitigen Wirkung des Spanabhebers beim Bohren in Hirnholz verläuft.

Vorgenannte Nachteile werden durch die Form B (Bild 118) vermieden. Die mit einem Gewinde versehene Zentrierspitze sorgt für einen selbsttätigen Vorschub und vermeidet das Abdrängen vom Einsatzpunkt. Die an die Schneide anschließende Windung bewirkt einen besseren Spanauswurf.

Nach DIN 6447 beträgt d bei den Formen A und B = 6 mm, steigend um 2 mm bis 40 mm sowie 45, 50 und 55 mm.

Bei der Form C (Bild 119) handelt es sich um einen Zentrumbohrer mit verstellbarem Messer, das mit Hilfe einer Maßskala genau eingestellt und durch eine Schraube festgehalten wird. Zu jedem genormten Bohrer gehören zwei Messer. Nach DIN 6447 d = 14 ... 78 mm.

Die größte Vollkommenheit besitzen die sogenannten Schlangenbohrer, die sowohl zum Bohren von Langholz als auch von Hirnholz Verwendung finden. Der Vorteil besteht in der beiderseitigen Anordnung von Vorschneidern und Spanabhebern, wodurch die einseitige Hebelwirkung aufgehoben wird. Die Zentrierspitze ist mit einem doppelten Einzugsgewinde versehen, das in die Schneiden der Spanabheber übergeht und so den Zug auf diese überträgt. Zum Bohren von Weichholz sind die Gänge weiter als zum Bohren von Hartholz. Die gewundene Form des Schaftes bewirkt einen selbständigen Spanauswurf. Je nach der Form dieser sogenannten "Förderschlange" unterscheidet man nach DIN 6444 Blatt 1 und 2 folgende Bohrmodelle:

Schlangenbohrer "A" (Bild 120) mit zwei Obermessern (Schaufel) und einer doppelgängigen Förderschlange. jeder Spanabheber hat zum Transport der Späne einen eigenen Windegang.

Schlangenbohrer "B" (Bild 121) mit runden Messern und doppelgängiger Förderschlange. Dieser Bohrer eignet sich besonders zum Bohren von Hirn- und Hartholz. An Stelle der fehlenden Vorschneider sind seine Spanabheber hakenförmig umgelegt. Diese werden auch als "Krüllmesser" bezeichnet. Nachteilig ist, daß infolge Fehlens der Vorschneider der Lochrand, besonders bei Weichholz, leicht aufreißt.

Schlangenbohrer "C" (Bild 122) mit zwei Kreuzmessern und einer eingängigen Förderschlange. Die beiden Spangänge vereinigen sich nach einer Windung zu einem einzigen Fördergang, wodurch Spanverstopfungen kaum vorkommen.

Schlangenbohrer "F" (Bild 123) mit einem Vorschneider und einer eingängigen starken Windung.

Alle Schlangenbohrer haben, um ein Festklemmen zu vermeiden, bis zum Ende der Schlange eine Verjüngung von 1: 50 bis 1: 100.

Der Durchmesser d beträgt bei allen vier vorgenannten Arten nach DIN 6444 = 6 mm, steigend um 1 mm bis 16 mm, dann weiter steigend um 2 mm bis 30 mm. Bohrerlänge = 185 ... 250 mm. Die Formen A und F haben als Dübelbohrer eine Länge von 105 ... 140 mm und einen Durchmesser von 4, 5, 6, 8, 10, 12, 15, 18 u. 22 mm. Dübelbohrer werden nach dem Durchmesser des Dübels und nicht nach dem etwas geringeren Bohrdurchmesser bezeichnet.

Der Forstnerbohrer (Bild 124) ist an seinem schneidenden Ende in seinem ganzen Umfang als Vorschneider ausgebildet. Die beiden diametral gestellten Schneiden haben einen sehr günstigen Schnittwinkel, so daß der Bohrgrund eine ebene glatte Fläche bildet. Der Einsatz erfolgt durch eine kurze Zentrierspitze, die etwas über den Rand des Vorschneiders hinwegragt. Der Bohrer faßt auch dann, wenn die Bohrmitte auf der Brettkante liegt. Forstnerbohrer werden daher zur Herstellung von Zierlöchern, in der Hauptsache jedoch zum Ausbohren von Ästen benutzt. Durchmesser d nach DIN 7483: 6 ... 80 mm.

Der Kunstbohrer Form F (Bild 125) besitzt zwei Messer und zwei Vorschneider. Durchmesser d nach DIN 7483: 6 ... 80 mm.

Versenker (Bild 126) dienen zur trichterförmigen Erweiterung der Schraubenlöcher für Flachkopfschrauben sowie zum Aufreiben von Dübellöchern. Die Schneide liefert infolge ihrer schneidenden Wirkung eine saubere Arbeit.

Der Aufsteckversenker (Bild 127) vereinigt das Bohren und Versenken des Schraubenloches in einem Arbeitsgang. Der Versenker wird durch eine Schraube in der richtigen Höhe festgehalten.

Der Krauskopf (Bild 128) wird zum gleichen Zwecke benutzt, übt jedoch keine schneidende, sondern eine schabende Wirkung aus. Nenndurchmesser nach DIN 6446 = 13, 16, 20 und 25 mm.

Der Dübelanspitzer (Bild 129) dient zum Brechen von Dübelkanten. Er leistet schnellere und sauberere Arbeit, als dieses bei Anwendung von Feile und Raspel möglich ist.


Autor: Wolfgang Jordan
Letzte Änderung: 09. Dezember 2015