Wolfgang Jordan
HOLZBEARBEITUNG MIT HANDWERKZEUGEN

Techniken: Abziehsteine; Arten, Verwendung und Behandlung

Kopie eines Artikels aus "Fachblatt für Holzarbeiter"
28. Jahrgang 1933, Seite 117


ABZIEHSTEINE; ARTEN, VERWENDUNG UND BEHANDLUNG

GEWERBEOBERLEHRER KARL KRECHBERGER

Man unterscheidet natürliche und künstliche Abziehsteine. Unter den ersteren sind es vor allen Dingen die sogenannten "gelben Brocken", welche sich in Fachkreisen großer Beliebtheit erfreuen und für das Abziehen des Bankwerkzeuges fast ausschließlich verwendet werden. Dieser Naturstein wird in vorzüglicher Qualität in Spaa (Belgien), nahe der deutschen Grenze, gefunden. Er ist von blaßgelber Farbe und besteht aus kieseligem Tonschiefer, welcher meist auf einem dunkler gefärbten Tonschiefer anfliegt, nicht selten aber auch auf anderem Material aufgekittet wird, um seine Verwendbarkeit zu gewährleisten. Die besten dieser Steine werden an Ort und Stelle regelmäßig beschnitten und gelangen dann in den Handel. Die beim Beschneiden sich ergebenden Abfälle sind nicht allzu großen Ausmaßes, aber von ebenfalls vorzüglicher Qualität. Beim Kauf eines gelben Brockens sollte man deshalb weniger auf seine Größe sehen. Die Prüfung der Güte desselben kann man unmittelbar beim Kauf durch Abziehen eines Taschenmessers vornehmen. Hat er die genügende Härte und "zieht er gut", so macht sich dies durch schwarze Färbung des benutzten Wassers bemerkbar. Ist er zu weich, dann lösen sich feinste Teilchen vom Stein und geben dem Wasser eine milchige Farbe. Bei der Auswahl ist aber nicht allein auf seine Härte, sondern auch darauf zu achten, daß er frei von irgendwelchen Adern ist. Er gelangt meist in Öl gekocht zum Verkauf.

Neben diesen belgischen Abziehsteinen gelangen auch solche aus Thüringen, Sachsen und dem Harz auf den Markt. Es ist ein Wetzschiefer, der sich für die Zwecke der Tischlerei weniger gut eignet. Für den Gebrauch in der Werkstatt ist es zweckmäßig, dem Stein eine Holzunterlage zu geben. Man höhlt zu diesem Zwecke ein entsprechend großes und dickes Stück Holz so aus, daß der Stein gut hineinpaßt. Die Aushöhlung kann reichlich bemessen werden. Alsdann säubert man den Stein, bestreicht ihn auf der einzukittenden Seite sowie auch die Höhlung des Holzes mit Leinöl und läßt dieses zunächst trocknen. Hierauf wird die Höhlung mit weichem Glaserkitt (Schlämmkreide und Leinöl) ausgefüllt und der Stein hineingedrückt. Um die Abziehfläche gleichlaufend mit der Holzfläche zu erhalten, spannt man das Ganze über Nacht in die Hinterzange der Hobelbank. Allzu starker Druck ist zu vermeiden, da sonst der Stein brechen kann. Der herausgequollene Kitt wird nach dem Entspannen beseitigt. Vor dem Einspannen kann noch ein der Größe des Unterlagholzes entsprechendes Stück Glaspapier (grob) aufgeleimt werden. Letzteres soll ein Verrutschen des Abziehsteines bei seinem Gebrauch verhindern. Der Tischler sollte es sich zum Grundsatz machen, den Stein nach jedesmaliger Benutzung zu säubern. Diese kleine Mühe lohnt sich, der Stein behält seine ursprüngliche Härte, während er im anderen Falle härter und glasig wird.

Ein weiterer sehr bekannter und beliebter Stein ist der "Levantiner". Er ist ein graubrauner, von Kieselsäure durchdrungener Dolomit aus Kleinasien. Er wird auch als "Türkischer Ölstein" gehandelt, besitzt eine hohe Schleifkraft, ist jedoch nur in den seltensten Fällen vollkommen rein anzutreffen und dann sehr teuer. Meist ist er von feinen Kieseladern durchzogen, welche härter sind als der übrige Stein. Hierdurch nutzt er sich ungleichmäßig ab und wird uneben. Dieser Stein sollte nur mit Öl gebraucht werden. Man bringt ihn zweckmäßig in einem Holzkasten mit abnehmbarem Deckel unter, um ein Verstauben zu verhüten. Zum Abziehen verwende man ein nichtharzendes Öl, am besten mit Petroleumzusatz.

Weitere bekannte Ölsteine sind die Washita, Mississippi- und Arkansassteine. Diese bestehen aus einer Art Chalcedone (mikrokristallinische Kieselsäure) und werden in Nordamerika gefunden. Sie sind durchweg von weißer Farbe. Von den genannten Steinen ist ersterer stark porös, greift sehr gut an und liefert vorzügliche Schneiden. Von allen Arten werden die mannigfaltigsten Größen und Formen geliefert, insbesondere solche zum Abziehen von Bildhauereisen und Drehstahlen. Ihre Aufbewahrung erfolgt am besten in einem Blechkasten mit Deckel, der zum Teil mit Petroleum gefüllt ist. Von Zeit zu Zeit muß der Kasten gesäubert und das Öl erneuert werden. Man vermeide es bei allen Ölsteinen, ein verharzendes Öl zu verwenden. Hierdurch büßen die Steine mit der Zeit an Schärfe ein bzw. verlieren sie ganz. Es ist außerordentlich schwer, verharzte Steine wieder gebrauchsfähig zu machen. Man legt sie am besten in Benzin und wickelt sie dann in mehrere Lagen Lösch- oder Fließpapier ein. Diese Prozedur muß so oft wiederholt werden, bis der Stein seine alte Schärfe wiedererhalten hat. Neben diesen Natursteinen existiert noch eine große Reihe künstlicher Abziehsteine, die unter den verschiedensten Namen im Handel zu haben sind. Sie werden meist aus Schmirgel, Korund und Karborundum in verschiedener Körnung hergestellt. Aber auch Glas, Sandstein, Schieferpulver und gepulverter Ton werden zu ihrer Herstellung benutzt. Mit Ausnahme einiger Fabrikate stehen sie den natürlichen Steinen bei weitem nach, haben jedoch den Vorteil absoluter Gleichmäßigkeit und Billigkeit. Der Tischler gebraucht künstliche Steine in mittlerer Körnung gern, um ein stumpfes Hobel- oder Stecheisen vor dem Feinabzug auf diesem vorzuziehen (gewissermaßen grob abzuziehen). Man erspart auf diese Weise manches Schleifen auf dem Schleifstein, welches mehr Zeit und Eisen kostet. Auch diese künstlichen Steine werden meist (wenn nichts Besonderes auf dem Stein vermerkt ist) mit Öl benutzt.

Sind Abziehsteine irgendwelcher Art durch den Gebrauch uneben geworden, so empfiehlt es sich, sie wieder abzurichten. Das läßt sich auf einem ebenen Rutscher oder aber an den Seiten des Rundsteines ermöglichen. Es soll hierbei nur naß geschliffen werden.

Trotz aller Sorgfalt, die der gewissenhafte Tischler seinem Abziehstein zuteil werden läßt, bricht doch einmal ein Stein. Mit Schellack, den man in einem Beutelchen fein gepulvert hat, läßt sich der Schaden wieder heilen. Die Bruchstellen werden erwärmt (nicht an offener Flamme), mit gepulvertem Schellack bestreut und dann, wenn der Schellack geschmolzen ist, fest zusammengepreßt. Irgendwelche Nachteile im Gebrauch entstehen hierdurch nicht, denn Schellack ist in seinem Gefüge weicher als der Stein. Es ist zweckmäßig, den gekitteten Stein auf eine Holzunterlage zu bringen, und zwar in der Weise, wie es oben beschrieben wurde. Im allgemeinen sollte mehr Wert auf Pflege und Auswahl dieses Hilfswerkzeuges gelegt werden, hängt doch von ihm (neben der Güte des Hobel- und Stecheisens) die Brauchbarkeit der Schneide ab, die ihrerseits wieder die Güte und den flotten Fortgang der Arbeit beeinflußt.


Autor: Wolfgang Jordan
Letzte Änderung: 09. Dezember 2015