Wolfgang Jordan
KLEINES WERKZEUGMUSEUM

Werkzeughersteller und -händler

Joh. Weiss & Sohn, Wien

Joh. Weiss & Sohn, Wien (Österreich)

Firmengeschichte

Johann Weiss I
Johann Weiss
(1788-1872)
Johann Baptist Weiss
Johann Baptist Weiss
(1829-1895)

Über den Ursprung der Firma findet man in den Quellen verschiedene Aussagen. Im "Biographischen Lexikon des Kaisertums Österreich" steht:
"Johann Baptist Weiss hatte sich 1820 in Wien niedergelassen und als einer der ersten dort mit der Werkzeugproduktion begonnen." 1)
Im Nachdruck eines Kataloges der Firma Weiss von 1909 heißt es dagegen:
"Die Fabrik wurde 1820 von dem bayerischen Schreiner Johann Baptist Weiss gegründet, der 1809 nach Wien emigriert war." 2)
Noch andere Lebensdaten von Joh. Bapt. Weiss kennt die Zeitschrift "Die Werkzeugmaschine" von 1900:
"Geboren zu Wien am 16. November 1788, gestorben daselbst 15. August 1872." 3)

Der erste bekannte Nachweis in einem Adressbuch aus dem Jahr 1827 20) listet Johann Weiß als bürgerlichen Tischlermeister "zu St. Ulrich in der Neudegger=Gasse zur goldenen Birn 84". 1831 wohnte Weiß auf der neuen Wieden, Kettenbrückengasse 698 und 1834 in der Lumpertgasse 715 (heute Kettenbrückengasse 4) 20). Eine Quelle von 1837 21) nennt Johann Weiß unter ca. 1000 Tischlern in Wien bei den acht "vorzüglichsten derselben".

Johann Weiss, bürgerlicher Tischler in Wien, 1833
Adressbuch von 1834 20)

Diese Anzeige 19) aus dem Jahr 1842 nennt den Standort der Fabrik im Wiener Vorort Laimgrube (heute 6. Wiener Bezirk Mariahilf).

Anzeige Johann Weiß, 1842

Aus dem Inhalt zweier Patentschriften 17) geht hervor, daß neben Johann Weiss auch dessen Sohn Vincenz (1822-1847) an der Fabrik beteiligt war. Näheres über die Fabriken in Wien und Scheibbs findet man auf diesen Seiten:
Fabriken in Wien
Fabriken in Scheibbs/Neustift

1845 nahm Joh. B. Weiss an der österreichischen Gewerbe-Ausstellung in Wien teil und errang dort eine silberne Medaille. Zu dieser Zeit waren im Fabrikgebäude selbst 35 und außerhalb 50 Arbeiter beschäftigt. 9)

Auf der Industrie-Ausstellung in London 1851 stellte Weiss 206 verschiedene Werkzeuge (vor allem Hobel) aus und erhielt eine Ehrenmedaille. 10) Die Anzahl der Arbeiter war inzwischen auf 100 gestiegen. 9)

Weiss' Sohn Johann Baptist jr. hatte im Geschäft des Vaters gelernt und seine Ausbildung im Handlungshaus Poß und Comp. vervollständigt. 1847 trat er als Kompagnon in das Geschäft seines Vaters ein. An der Neuen Wiedner Hauptstrasse 65 (heute Margarethenstraße im 6. Wiener Bezirk Margarethen) erbaute er 1853 eine speziell für die Werkzeugproduktion eingerichtete Fabrik, in der die Maschinen mit Dampfkraft angetrieben wurden. 1856 übernahm Johann Baptist Weiss II jr. die Fabrik ganz. 1)

1860 wurde ein "Parallel-Stellhobel" zum Patent angemeldet: Mit Hilfe einer eisernen Konstruktion konnte der Anschlag von Stellhobeln einfach und genau parallel eingestellt bzw. verschoben werden. 9)

1862 wurde neben der Fabrik eine zweite gebaut und mit den neuesten Werkzeugmaschinen zur Herstellung von Holzwerkzeugen eingerichtet. Zwei Dampfmaschinen mit 12 und 25 PS trieben die zahlreichen Hilfsmaschinen an, mehr als 200 Arbeiter waren jetzt hier beschäftigt.

Auf der Weltausstellung 1862 in London wurde der Firma "für eine grosse und gute Sammlung von Tischlerwerkzeugen" eine Medaille verliehen. Pro Woche wurden neben vielen anderen Werkzeugen etwa 1500 Hobel produziert. Ganze Werkzeugkollektionen wurden von Museen und Technischen Hochschulen erworben. Die Bandbreite der erzeugten Werkzeuge war in einem 1861 erschienenen "Atlas österreichischer Werkzeuge für Holzarbeiter, etc." abgebildet. 10)

Teilnahme an der "Ausstellung landwirthschaftlicher und industrieller Producte des ottomanischen Kaiserreiches" in Constantinopel (Istanbul) im Jahre 1863. 9)

Etwa aus dem Jahr 1900 stammen diese Aufnahmen von der Fabrik und den Produktionsräumen. 4)

1911 übernahm die Firma Weiss die Gebäude und Anlagen der Firma D. Flir, vormals Franz Wertheim, in Wien-Wieden und in Neustift bei Scheibbs. Bis dahin hatte Weiss seine Eisen von der Firma Josef Herrmann bezogen, deren Name neben dem Weiss-Logo auch auf den Hobeleisen zu finden ist (siehe unten). 2)

Um 1912 wurde im Wiener Stadtteil Meidling im Areal zwischen Griessergasse und Oswaldgasse an der Donauländebahn ein neues Werk errichtet.

Im Jahre 1914 beschäftigte die Firma 600 Mitarbeiter. Nach dem Untergang des Kaiserreichs Österreich-Ungarn in 1918 verlor Weiss einen Großteil seines Absatzgebietes in Ungarn und den ehemaligen Ländern Tschechoslowakien und Jugoslawien. Daher erweiterte die Firma 1930 ihr Angebot um Gartengeräte und Skier unter dem Handelsnamen "Lord". 2)

Um 1930 wurde die Firma geführt von Johann Baptist Weiss III. (Enkel des Gründers), seinem Bruder Vinzent Weiss und seinem Neffen Hans Wilhelm Weiss.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Hauptwerk von neun Bomben getroffen und 1945 durch einen Brand verwüstet. Die alte Flir-Fabrik entging nur knapp einer Zerstörung durch russische Truppen. Nach dem Krieg erweiterte die Firma Weiss ihr Angebot durch Schulmöbel und Kücheneinrichtungen, neben einer stark reduzierten Palette an Handwerkzeugen. 2)

1966 wird die Erzeugung von Werkzeugen in den Werken in Scheibbs eingestellt und in die Fabrik nach Wien verlagert. Der Strudenhammer an der Erlauf wird seitdem von der Firma Traunfellner als Bauhof genutzt. Der Stettenhammer am Ginselberg dient heute als Wohnhaus. 14)15)

Um 1980 Übernahme der Produktpalette durch die Firma Schachermayer in Linz. 5)

Weitere Informationen

Aus der Dissertation von Friedrich Ott 6) geht hervor, daß die deutsche Holzwerkzeugindustrie sehr unter der österreichischen Konkurrenz zu leiden hatte. Die niedrigen Einfuhrzölle und die bessere Holzversorgung der Wiener ermöglichten eine günstigere Preisgestaltung. Daß die Firma Weiss ihre Hobel nicht gebrauchsfertig, wie die deutschen Firmen, und damit billiger in den Handel brachte, erschwerte die Situation zusätzlich.

In den "Verhandlungen und Mittheilungen des niederösterreichischen Gewerbe-Vereins (1868)" (siehe auch diese Quellenseite) erschien diese Anzeige der k. k. landesbefugten Werkzeugfabrik Joh. Weiss & Sohn.

Im "Jahrbuch der Genossenschaft der Tischler in Wien (1925)" 11) erschien diese Anzeige der Firma Weiss.

Werkzeuge

In meiner eigenen Sammlung 8)
Nuthobel J. Weiss, Wien
Nuthobel
Doppelhobel Joh. Weiss?
Doppelhobel
Doppelhobel J. Weiss, Wien
Doppelhobel
Gratsäge J. Weiss, Wien
Gratsäge
Grundhobel Joh. Weiss & Sohn, Wien
Grundhobel
Ueberschiebhobel
Überschiebhobel
Ueberschiebhobel
Überschiebhobel
Putzhobel DRGM
Putzhobel DRGM
Jalousiehobel/Quadrierhobel/Adernhobel
Jalousiehobel
Plattbank
Plattbank
Kittfalzhobel Joh.Weiss, Wien
Kittfalzhobel
Zwei Schrupphobel, Joh. Weiss, Wien
Zwei Schrupphobel

Mehr Weiss-Werkzeuge im Netz:
Schrupphobel, Doppelhobel, Nuthobel, Falzhobel (?) (in der Sammlung von Eckhard Pohlmann)

Marken

Markenanmeldungen 7)
Weiss Warenzeichen
Erneuert am 29. September 1902 unter der Nummer 17104.
Neu eingetragen am 19. Oktober 1912 unter der Nummer 53624
International registriert am 26. Februar 1917 unter der Nr. 18220 16)
Weiss Warenzeichen Weiss Warenzeichen
Weiss Warenzeichen
Weiss Warenzeichen
Markenzeichen auf Werkzeugen etc. 7)12):
Marke Johann Weiss, Wien
"J. Weisz"
Bild 'Krone' 13)
Marke Johann Weiss, Wien
"J. Weiss" 13)
Marke Johann Weiss & Sohn, Wien
"JOH. WEISS & SOHN IN WIEN, Bild 'Wappen mit Doppeladler'"
Blechmarke auf einem Hobel 22)
WEISS & SOHN IN WIEN
"WEISS & SOHN IN WIEN"
JOH. WEISS & SOHN, WIEN
"JOH. WEISS & SOHN, WIEN"
Bild "Schraubzwinge"
Schutzmarke Weiss und Sohn
"REGISTRIRTE SCHUTZMARKE GARANTIE"
Bild "Österreichischer Doppeladler"
Bild "Schraubzwinge"
(auf diesem Katalog)
JOH. WEISS SOHN, WIEN, D. FLIR, WERTHEIM
"JOH. WEISS SOHN
WIEN
D. FLIR, WERTHEIM"
HERMAN, JOH. WEISS & SOHN, WIEN
"HERMAN, JOH. WEISS & SOHN, WIEN"
Marke Johann Weiss, Wien
"JOH. WEISS SOHN WIEN" 23)
JOH. WEISS & SOHN, WIEN
"JOH. WEISS & SOHN
WIEN
GEGRÜNDET 1820"
Bild 'Schraubzwinge'
JOH. WEISS & SOHN, WIEN
"JOH. WEISS & SOHN
WIEN
GEGRÜNDET 1820"
Bild 'Schraubzwinge' 13)
JOH. WEISS & SOHN, WIEN
"JOH. WEISS & SOHN
WIEN"
Bild 'Schraubzwinge', 1820

Kataloge

Preis-Courant Joh. Weiss, 1858
1858
Katalog Joh. Weiss, 1861
1861
Scan (auf meiner Seite)
Scan (bei Google)
Preisverzeichnis Joh. Weiss, 1876
1876
Preis-Courant Joh. Weiss, 1882
1882
Preis-Courant Joh. Weiss, ca. 1890
ca. 1890
Preis-Courant Joh. Weiss, 1895
1895
Katalog Joh. Weiss, 1909
1909
Scan dieses Katalogs
Preis-Courant Joh. Weiss, 1913
1913
Musterbuch Joh. Weiss, 1925
1925
Katalog Joh. Weiss
??
Katalog Joh. Weiss, ca. 1930
ca. 1930
Katalog Joh. Weiss, 1933
1933
Katalog Anton Bayer, Graz, 1952
1952

Patente 7)

FR0000051729 (28.10.1861) Rabot perfectionné 12)
FR0000139309 (23.10.1880) Perfectionnements dans les rabots de menuisier et particulièrement dans les rabots feuilleret, les rabots à queue-d'aronde, les bouvets mâles à languette, les bouvets femelles et autres rabots à réglage. 12)
DE0000013929A (08.07.1881) Stellhobel
DE0000015197A (09.09.1881) Neuerungen an Schraubzwingen
DE0000015340A (17.09.1881) Neuerungen an Nuthhobeln
AT0000067095B (25.11.1914) Stegbefestigungsschuh für Handsägen
AT0000042079B (10.10.1910) Hobelkasten
DE0000469045A (29.11.1928) Widerlager für Hobelkeile
AT0000112839B (10.04.1929) Schwingbar gelagertes Widerlager für den Keil bei Hobeln
AT0000127344B (10.03.1932) Strecksessel
AT0000127764B (11.04.1932) Strecksessel
DE0000558259A (03.09.1932) Zusammenklappbarer Liegestuhl

Gebrauchsmuster 7)

(06.11.1890) Neuerungen an Hobeln. (Verlängerung der Schutzfrist?)
66136 (09.11.1896): Hobel mit Schutzbügel hinter dem Hobeleisen
66201 (09.11.1896): Hobel mit an den Griffstellen abgerundetem Hobelkasten
66202 (09.11.1896): Hobel mit in die Kastenwangen eingelassenen hakenartigen Spangen zum Festhalten des Keiles
172450 (07.03.1902) Nuthhobel mit aus gestanzten, gezogenen und genieteten Blechen gebildetem Kasten.
172880 (07.03.1902): Streichmass mit gepresstem eisernen Anschlag


Quellen und Referenzen

1) Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich (Vierundfünfzigster Teil, 1886, Seite 110-111)
2) Ein Abriss der Geschichte der Firma Weiss ist zu finden in dem Nachdruck eines Kataloges von 1909 (Details). Der Originaltext steht hier.
3) Die Werkzeugmaschine, 25. Juni 1900, Heft 27, Seite 411 [Google Buchsuche]
4) Fine Tool Journal (Heft 52, Herbst 2002, https://www.finetooljournal.net/)
5) Information der Firma Schachermayer (www.schachermayer.at)
6) Dr. Friedrich Ott, Die deutsche Holzwerkzeug-Industrie [Details]
7) Marken, Patente und Gebrauchsmuster stammen aus verschiedenen Quellen, die auf dieser Seite detailliert genannt sind.
8) Eigene Werkzeugsammlung [OWN]
9) Verschiedene Quellen, Auszüge der betreffenden Textstellen sind auf einer besonderen Quellenseite zu finden.
10) Atlas für Holzarbeiter von 1861
11) Jahrbuch der Genossenschaft der Tischler in Wien [JTW]
12) Institut national de la propriété industrielle (INPI), Paris
13) Sammlung von Franz Slama
14) Chronik der Bezirkstadt Scheibbs, von Wilhelm Löwenstein, Hermann Pröll (1989)
15) Scheibbs-Neustift, Damals und heute, von Erwin Huber (Scheibbs, 2008)
16) Auszug aus dem Markenregister vom 16. September 1924
17) Sammlung der Gesetze für das Erzherzogthum Oesterreich unter der Enns, Fünf und zwanzigster Theil. Jahr 1843, Wien 1845, Seite 561, und Sechs und zwanzigster Theil. Jahr 1844, Wien 1846, Seite 482
18) Wiener Weltausstellungs-Zeitung, Sonntag, 30. November 1873
"Oesterreichs Industrie, LVI, Johann Weiß & Sohn, Werkzeug-Fabrik in Wien, V., Margarethenstraße 65"
[ÖNB/ANNO AustriaN Newspaper Online]
19) Allgemeine Zeitung, München, 24. Dezember 1842 [Google Buchsuche]
20) Adressen-Buch der Handlungs-Gremien und Fabriken, der kais. kön. Haupt- und Residenzstadt Wien, dann mehrerer Provinzialstädte (Jahrgänge 1823-1850) [wienbibliothek digital]
21) Neuestes Gemälde von Wien in topographischer, statistischer, commerzieller, industriöser und artificieller Beziehung, Wien 1837 [Google Buchsuche]
22) Sammlung des Technischen Museums Wien
23) Sammlung H. Alsen

Autor: Wolfgang Jordan
Letzte Änderung: 10. August 2017